Alter und Sucht
Sucht ist ein Thema, das in jedem Lebensalter eine Rolle spielt. Denn der Konsum von Alkohol, Tabak und anderen psychoaktiven Substanzen bringt auch im höheren Lebensalter schwere gesundheitliche Risiken sowie die Gefahr des Missbrauchs und einer Abhängigkeitsentwicklung mit sich. Bei älteren Menschen werden die Symptome eines Missbrauchs oder einer Abhängigkeit allerdings oft erst sehr spät erkannt oder fehlinterpretiert.
Alkohol
Alkoholkonsum im Alter birgt besondere Risiken, da die Alkoholverträglichkeit mit zunehmendem Alter abnimmt. Bereits geringe Mengen können unerwünschte Wirkungen haben, etwa Gleichgewichts- und Reaktionsstörungen, die das Sturz- und Unfallrisiko erhöhen. Hinzu kommt die Gefahr riskanter Wechselwirkungen mit Medikamenten sowie die mögliche Verschlechterung bestehender Erkrankungen wie Diabetes oder Bluthochdruck.
Die bayerische Befragung Suchtmonitoring Bayern 65+ von 2022 zeigt:
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Gut die Hälfte der Personen ab 65 Jahren (53 %) trinkt mindestens einmal pro Monat Alkohol, knapp 12 % sogar viermal pro Woche oder häufiger.
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Frauen trinken seltener und sind häufiger abstinent (56 % gegenüber 35 % bei Männern).
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Häufigste Konsummotive sind geschmacklicher Genuss (74 %) und geselliges Beisammensein; rund ein Fünftel gibt jedoch auch „instrumentelle“ Gründe wie Entspannung oder besseres Einschlafen an.
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11 % der Befragten zeigen einen riskanten oder schädlichen Konsum (AUDIT-C). Belastende Lebensereignisse wie Verluste oder familiäre Erkrankungen erhöhen das Risiko deutlich.
Forschung und Prävention
Die internationale ELDERLY-Studie prüfte zwei Varianten ambulanter psychologischer Kurzinterventionen für ältere Menschen (≥ 60 Jahre) mit alkoholbezogenen Problemen. Beide Ansätze führten zu einer deutlichen Verbesserung des Trinkverhaltens: höhere Abstinenzraten, weniger riskante Konsumtage und weniger Rauschtrinken. Die Ergebnisse wurden in Deutschland im Rahmen eines Transferprojekts an Fachkräfte vermittelt und können auch in der Praxis der Suchtprävention im Alter wertvolle Impulse geben.
Tabak
Rauchen im Alter bleibt ein relevantes Gesundheitsproblem. Durch die demografische Entwicklung gibt es zunehmend ältere Menschen, die ihren Tabakkonsum auch in höheren Lebensjahren fortsetzen. Dies trägt dazu bei, dass der Anteil rauchender Personen in dieser Altersgruppe stabil bleibt oder nur langsam sinkt.
Ein Rauchstopp lohnt sich in jedem Alter. Bereits nach wenigen Tagen bis Wochen verbessern sich Kurzatmigkeit, Husten und körperliche Leistungsfähigkeit. Langfristig sinken das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und viele Krebserkrankungen, und auch die Lebenserwartung kann deutlich steigen.
Die Ergebnisse aus der Befragung Suchtmonitoring Bayern 65+ zeigen:
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13 % der über 65-Jährigen rauchen Tabakprodukte, E-Zigaretten oder Tabakerhitzer, überwiegend Zigaretten (85 %).
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Männer rauchen etwas häufiger (15 %) als Frauen (12 %).
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Rund die Hälfte der Rauchenden greift bereits innerhalb der ersten 30 Minuten nach dem Aufstehen zur Zigarette.
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58 % nennen den Geschmack als Hauptgrund, 42 % geben an, dass ihnen das Aufhören schwerfällt, und 41 % rauchen wegen des angenehmen Gefühls.
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Zwischen den Regionen gibt es deutliche Unterschiede: In Unterfranken rauchen 20 % der Älteren, in Oberbayern dagegen nur 11 %.
Auch wenn die Mehrheit der Älteren nicht raucht, ist der verbleibende Raucheranteil gesundheitlich relevant.
Medikamente mit Missbrauchs- und Abhängigkeitspotenzial
Etwa 4 bis 5 % aller häufig verordneten Arzneimittel, insbesondere Schlaf- und Beruhigungsmittel, opiathaltige Schmerzmittel und sog. Stimulanzien, besitzen ein eigenes Suchtpotenzial. Generell sind von Medikamentenmissbrauch und -abhängigkeit unabhängig vom Geschlecht ältere Menschen häufiger betroffen als jüngere.
Zahlen aus der Befragung Suchtmonitoring Bayern 65+ zeigen:
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Schmerzmittel: 28 % der über 65-Jährigen haben in den letzten 30 Tagen Schmerzmittel eingenommen.
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Nicht-opioide Schmerzmittel (z. B. Ibuprofen, Paracetamol, Aspirin): 13 % aller Älteren; über 60 % davon schon länger als ein Jahr.
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Opioidhaltige Schmerzmittel: 5 % aller Älteren (2 % als Pflaster, 5 % als Tabletten/Tropfen/Spray); rund 60 % nehmen sie bereits seit mindestens einem Jahr.
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Hinweise auf Missbrauch: 26 % nahmen größere Mengen oder länger als verschrieben, 25 % eine höhere Dosierung; 19 % nutzten Schmerzmittel zur Stimmungsaufhellung oder Beruhigung (Frauen doppelt so häufig wie Männer).
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Schlaf- und Beruhigungsmittel: 4 % nahmen in den letzten 30 Tagen Schlafmittel, 2 % Beruhigungsmittel ein; in 70 % der Fälle waren diese ärztlich verordnet.
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Unter den ausschließlich ärztlich verordneten Nutzerinnen und Nutzern konsumierten 48 % täglich, 36 % mehrmals pro Woche.
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Fast 60 % nehmen sie seit mindestens einem Jahr, Frauen häufiger als Männer.
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Hinweise auf Missbrauch: 18 % nahmen mehr oder länger als verordnet, 12 % höhere Dosierungen; 39 % scheiterten mehrfach beim Versuch, die Einnahme zu reduzieren.
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Weitere Informationen finden Sie hier.
Einsamkeit im Alter und Sucht
Einsamkeit bedeutet mehr, als nur allein zu sein. Es ist das Gefühl, nicht genügend oder nicht genügend tiefe soziale Beziehungen zu haben. Sie unterscheidet sich von bewusster Zurückgezogenheit oder vorübergehendem Alleinsein und kann das Wohlbefinden deutlich beeinträchtigen.
In Bayern gab 2021 etwa jede zehnte Person über 65 Jahre an, häufig oder sehr häufig einsam zu sein. Einsamkeit kann in beide Richtungen mit Suchtverhalten verknüpft sein: Wer einsam ist, greift möglicherweise öfter zu Alkohol, Medikamenten oder Tabak, um negative Gefühle zu lindern. Umgekehrt kann eine Suchterkrankung dazu führen, dass soziale Kontakte abbrechen und Isolation zunimmt.
Auch wenn die Erhebungen des Suchtmonitoring Bayern 65+ keinen direkten statistischen Zusammenhang zwischen Einsamkeit und höherem Substanzkonsum im Alter zeigen, sind die psychosozialen Risiken deutlich. Weniger Unterstützung durch das Umfeld und fehlende soziale Teilhabe können die Lebensqualität massiv mindern. Präventive Ansätze, die sowohl Sucht- als auch Einsamkeitsprävention verbinden, können daher besonders wirksam sein; etwa durch niedrigschwellige Treffpunkte, Telefonkontakte oder digitale Austauschplattformen für Seniorinnen und Senioren.
Quellen und weiterführende Literatur
Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit. (2024). Suchtmonitoring Bayern 4: Sucht und Alter (Gesundheitsreport Bayern 02/2024). Gesundheitsreport Bayern: Suchtmonitoring 4: Sucht und Alter
Braun, Barbara et al. Therapie alkoholbezogener Störungen im Alter: Ergebnisse der deutschen Stichprobe der randomisiert-kontrollierten ELDERLY-Studie bis zum 12-Monats-Follow-up. Sucht, Jg. 65(2019), H. 2, S. 101-114
Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung. Suchtprobleme im Alter. Informationen und Praxishilfen für Fachkräfte und Ehrenamtliche im Sozial-, Gesundheits- und Bildungswesen. Online verfügbar unter https://shop.bzga.de/suchtprobleme-im-alter-33240001/.
muenchen.de – Das offizielle Stadtportal, https://stadt.muenchen.de/infos/suchtimalter.html
Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen e.V. , https://www.dhs.de/lebenswelten/sucht-im-alter