Behinderung und Sucht

Hintergrund

Menschen mit geistiger Behinderung sind von Suchterkrankungen in besonderer Weise betroffen. Studien zeigen, dass Suchtproblematiken in dieser Bevölkerungsgruppe häufig übersehen oder spät erkannt werden, da Diagnose und Behandlung durch unterschiedliche Zuständigkeiten in Behinderten- und Suchthilfe oft nur unzureichend miteinander verknüpft sind. Das führt zu Versorgungslücken an der Schnittstelle beider Bereiche, die eine frühzeitige Prävention, passgenaue Interventionen und eine koordinierte Betreuung erschweren.

Ein zentraler Bedarf besteht darin, Präventions- und Hilfsangebote so zu gestalten, dass sie für Menschen mit geistiger Beeinträchtigung zugänglich und verständlich sind. Dazu gehört neben der Entwicklung geeigneter Materialien und Methoden auch die Sensibilisierung von Fachkräften in beiden Versorgungsbereichen.

Rückblick: Fachtagung „Inklusion und Sucht – Vernetzung für eine bessere Versorgung“

Am 4. Juni 2025 fand unsere Hybrid-Fachtagung „Inklusion und Sucht – Vernetzung für eine bessere Versorgung in München und online statt. Ziel der Veranstaltung war es, den Austausch zwischen Suchthilfe und Behindertenhilfe zu vertiefen, gemeinsame Herausforderungen zu diskutieren und neue Impulse für die Zusammenarbeit in Bayern zu setzen.

Nach der Begrüßung beleuchteten namhafte Expert:innen verschiedene Facetten der Versorgung an der Schnittstelle von Sucht und Behinderung:

  • Fischer, Julia 
    Sozialarbeiterin (B.A), Ambulante Suchthilfe Bremen

  • Binger, Günther
    DiakoneoKdöR, Offene Hilfen Bayreuth-Kulmbach, Himmelkron

  • Clasen, Merle
    Sozialarbeiterin/Sozialpädagogin (B.A.), Ambulante Suchthilfe Bremen

  • Gredner, Thomas, Dr.
    Epidemiologe, Bayerische Akademie für Sucht-und Gesundheitsfragen, München
  • Greisel, Tanja
    Prüferin und Expertin für Leichte Sprache, Fach-Zentrum für Leichte Sprache der CAB Caritas Augsburg
  • Nagel, Carola, M.A.
    Übersetzerin und Dozentin für Leichte Sprache, Beraterin für Leichte Sprache der Beratungsstelle Barrierefreiheit im Rahmen des Programms „Bayern barrierefrei“, Fach-Zentrum für Leichte Sprache der CAB Caritas Augsburg

  • Schmidt, Bernd, Prof. Dr. med.
    Professur für Sozialmedizin und SozialpsychiatrieInstitut für Soziale Gesundheit (ISG)Katholische Hochschule für Sozialwesen Berlin (KHSB)

  • Thomes, Christian
    Geschäftsführung LA VIDA gGmbH, Berlin

  • Waltz, Karin
    Geschäftsführung LA VIDA gGmbH, Berlin

Die Veranstaltung machte deutlich, wie wichtig strukturierte Netzwerke und niedrigschwellige Zugänge sind, um Menschen mit Behinderung und Suchterkrankungen bedarfsgerecht zu unterstützen.

Rückblick: Fachtagung „Inklusion gestalten - Angebote für Menschen mit geistiger Behinderung und Sucht“

Mit unserer Fachtagung vom 13. Juni 2024 „Inklusion gestalten – Angebote für Menschen mit geistiger Behinderung und Sucht“ haben wir Expert:innen aus der Suchthilfe und der Behindertenhilfe zusammengebracht, um über die besonderen Anforderungen in Prävention, Versorgung und Vernetzung zu diskutieren. Ziel war es, einen praxisnahen Austausch zu fördern und neue Impulse für eine bedarfsgerechte Unterstützung von Menschen mit geistiger Behinderung und Suchterkrankungen zu setzen.

Das Programm bot ein vielfältiges Spektrum an Vorträgen und Erfahrungsberichten:

  • Dustmann, Sonja
    Koordinationsstelle Sucht, Landschaftsverband Westfalen-Lippe (LWL), Münster

  • Jakubek, Andreas
    Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie, Chefarzt der Fachklinik Oldenburger Land, Diakonisches Werk Oldenburg Fachklinik Oldenburger Land gGmbH

  • Kiesel, Holger
    Beauftragter der Bayerischen Staatsregierung für die Belange von Menschen mit Behinderung, Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales

  • Klinkhammer, Julia
    Wissenschaftliche Mitarbeiterin, MA Soziale Arbeit und Gesundheit im Kontext Sozialer Kohäsion, Hochschule Emden/Leer

  • Kohler, Daniela
    Einrichtungsleitung, Johannes Paul Haus Illertissen, Haus Renate Vöhringen, Dominikus-Ringeisen-Werk Ursberg

  • Schmidt, Sabine
    Leiterin der Suchtfachambulanz Dillingen, Caritasverband für die Diözese Augsburg e. V

  • Schröter, Johanna
    Projektkoordination EVIM (Evangelischer Verein für Innere Mission in Nassau) Gemeinnützige Behindertenhilfe GmbH, Wiesbaden
  • Prodinger, Birgit, Prof. Dr.
    Professur für medizinische Versorgung von Menschen mit Behinderung und Teilhabebeschränkungen, Medizinische Fakultät der Universität Augsburg
  • Rathmann, Katharina, Prof. Dr.
    Professur für Sozialepidemiologie und Gesundheitsberichterstattung, Fachbereich Gesundheitswissenschaften der Hochschule Fulda
  • Tielking, Knut, Prof. Dr.
    Professur für Soziale Arbeit mit dem Schwerpunkt Sucht- und Drogenhilfe, Fachbereich Soziale Arbeit und Gesundheit der Hochschule Emden/ Leer
  • Woock, Noemi
    Projektleitung #ZusammenInklusiv – Bewegung und Gesundheit im Alltag stärken (BeuGe), Special Olympics Deutschland, Berlin

In einer abschließenden Podiumsdiskussion diskutierten Referent:innen und Teilnehmende gemeinsam über notwendige strukturelle Veränderungen, um Prävention und Versorgung nachhaltig zu verbessern.

Die Fachtagung hat gezeigt, wie wichtig der Austausch zwischen verschiedenen Professionen ist – und dass nur durch eine enge Zusammenarbeit aller Akteur:innen eine inklusive und bedarfsgerechte Versorgung gelingen kann.

(Pathologisches) Glücksspiel

Die wissenschaftliche und praktische Auseinandersetzung mit dem Thema Sucht bei Menschen mit geistiger und/oder körperlicher Beeinträchtigung ist bislang unzureichend, insbesondere im Hinblick auf (pathologisches) Glücksspiel. Vor dem Hintergrund dieser lückenhaften Datenlage hat sich die BAS zum Ziel gesetzt, diese Schnittstellenthematik systematisch zu untersuchen und daraus praxisrelevante Implikationen abzuleiten. An Relevanz gewinnt das Thema zusätzlich durch die Legalisierung von Online-Glücksspiel in Deutschland, wodurch Zugangshürden weiter gesenkt wurden und sich das Risiko für gefährdete Personengruppen erhöht hat.

Aus diesem Grund hat der 15. Bayerische Fachkongress Glücksspiel das Thema im Juli 2025 aufgegriffen und mit dem Workshop „Geistige Beeinträchtigung und (Glücksspiel-)Sucht“ vertieft.

Darüber hinaus verfolgt das zugehörige Praxistransferprojekt folgende Ziele:

  • Erfassung des Informations- und Unterstützungsbedarfs von Menschen mit Beeinträchtigungen
  • Entwicklung von Konzepten, die eine verbesserte Information und Versorgung dieser Zielgruppe ermöglichen
  • Berücksichtigung relevanter Aspekte von Inklusion und Barrierefreiheit sowie einer stärkeren Vernetzung von Sucht- und Behindertenhilfe

Zur Erhebung relevanter Bedarfe, Herausforderungen und Barrieren in der Versorgung wurde hierfür im Jahr 2024 eine bayernweite Online-Befragung unter Einrichtungen der Sucht- und Eingliederungshilfe durchgeführt. Befragt wurden Fachkräfte aus der Eingliederungshilfe (mit Fokus auf den Umgang mit Klient:innen mit Suchtverhalten) sowie aus der Suchthilfe (mit Blick auf Erfahrungen mit Menschen mit geistigen und/oder körperlichen Beeinträchtigungen). Ein besonderer Fokus lag dabei auf der Frage, welche Bedeutung substanzungebundene Abhängigkeit – insbesondere die Glücksspielsucht – einnimmt. Die Ergebnisse dieser Befragung wurden in einem Ergebnisbericht hier veröffentlicht. Sie dienen als Grundlage zur Identifikation potenzieller Verbesserungsansätze und gezielter Maßnahmen in beiden Arbeitsfeldern, mit dem Ziel, die Versorgung von Menschen mit Beeinträchtigungen nachhaltig zu verbessern.

Weiterführende Literatur

  • Bundesfachstelle Barrierefreiheit. (2023, 14. September). Bundesteilhabepreis 2023 gestartet. https://www.bundesfachstelle-barrierefreiheit.de/DE/Initiative-Sozialraum-Inklusiv/Bundesteilhabepreis/Bundesteilhabepreis-2023/bundesteilhabepreis-2023-gestartet/bundesteilhabepreis-2023-gestartet_node.html
  • Bundesfachstelle Barrierefreiheit. (n. d.). Bewertungskriterien des Bundesteilhabepreises 2023. https://www.bundesfachstelle-barrierefreiheit.de/DE/Initiative-Sozialraum-Inklusiv/Bundesteilhabepreis/Bundesteilhabepreis-2023/Kriterien/bewertungskriterien_node.html
  • Dachverband Wiener Sozialeinrichtungen; Sucht- und Drogenkoordination Wien. (2022, Januar). Umgang mit Sucht bei Menschen mit Behinderungen: Information, Prävention, Beratung und Vermittlung – Ein Praxisbuch für Mitarbeiter_innen in der Behindertenhilfe [Praxisbuch]. Eigenverlag.
  • Ebener, D. J., & Smedema, S. M. (2010). Substance abuse and psychosocial adaptation to physical disability: Analysis of the literature and future directions. Disability and Rehabilitation, 32(16), 1311–1319. https://doi.org/10.3109/09638280903514721
  • Ebener, D. J., & Smedema, S. M. (2011). Physical disability and substance use disorders: A convergence of adaptation and recovery. Rehabilitation Counseling Bulletin, 54(3), 131–141. https://doi.org/10.1177/0034355210394873
  • Klauß, T. (2003). Geistige Behinderung und Sucht: Eine Herausforderung im Spannungsfeld von Selbstbestimmung und Fürsorge (Materialien der DGSGB, Band 7). Deutsche Gesellschaft für seelische Gesundheit bei geistiger Behinderung e. V.
  • Klinkhamer, S., & Tielking, K. (n. d.). Prävention von Suchtproblemen bei Menschen mit geistiger Beeinträchtigung. https://www.konturen.de/fachbeitraege/praevention-von-suchtproblemen-bei-menschen-mit-geistiger-beeintraechtigung/
  • Kretschmann-Weelink, M. (2013). Prävalenz von Suchtmittelkonsum bei Menschen mit geistiger Behinderung in Nordrhein-Westfalen: Ergebnisse einer Vollerhebung in Einrichtungen der Behinderten- und Suchthilfe; Ergebnisse von Klienteninterviews. AWO Unterbezirk Ennepe-Ruhr.
  • LWL-Koordinationsstelle Sucht. (2012). Normal berauscht? Geistige Behinderung und Sucht / Substanzmissbrauch (Forum Sucht, Band 44). Landschaftsverband Westfalen-Lippe.
  • Pallanti, S., & Bernardi, S. (2007). The Shorter PROMIS Questionnaire and the Internet Addiction Scale in the assessment of multiple addictions in a high-school population: Prevalence and related disability. CNS Spectrums, 12(12), 952–959. https://doi.org/10.1017/S1092852900015157
  • Rathmann, K., Karg, S., Schierenbeck, M., & Kogel, L. M. (2020). Substanzkonsum bei Menschen mit geistiger Behinderung: Stand der Forschung, Angebote und Herausforderungen für Hilfesysteme und Prävention. Suchttherapie, 21(1), 23–31. https://doi.org/10.1055/a-1071-1368
  • Rehabilitations- und Teilhabeforschende. (2025). Akteurinnen, Akteure und Themen in Deutschland: 34. Reha-Wissenschaftliches Kolloquium “Mensch trifft Maschine – digitale Chancen in Prävention und Rehabilitation nutzen”. Herausgegeben von REHADAT – Berufliche Teilhabe und Inklusion, Institut der deutschen Wirtschaft Köln e. V., Bundesarbeitsgemeinschaft für Rehabilitation e. V., Deutsche Vereinigung für Rehabilitation e. V. & Deutsche Rentenversicherung Bund.
  • Russell, A., Simonoff, E., & Lord, C. (2023). Identifying the most important research, policy and practice questions for substance use, problematic alcohol use and behavioural addictions in autism (SABA-A): A priority setting partnership. Comprehensive Psychiatry, 124, 152393. https://doi.org/10.1016/j.comppsych.2023.152393
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  • Selver, M. (2016). Disability benefits and addiction: Resolving an uncertain burden. New York University Law Review, 91(4), 1101–1136.
  • Strizek, J., Puhm, A., & Schwarz, T. (2023). Konsum- und Verhaltensweisen mit Suchtpotenzial bei Menschen mit Behinderung: Ergebnisse einer Befragung in Behindertenhilfeeinrichtungen [Research Brief]. Gesundheit Österreich – Kompetenzzentrum Sucht.
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